Akupunktur — Eine Kraft die verbindet

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 12.07.2019 Lesezeit: 5 Minuten

Aku­punk­tur ist kei­ne Metho­de oder eine Dienst­leis­tung, son­dern Kunst. Um sie zu ver­ste­hen, muss man sich vom Nadel­ste­chen lösen – sagt Dr. med. Micha­el Ham­mes, Fach­arzt für Neu­ro­lo­gie, Arzt für Chi­ne­si­sche Medi­zin und Schmerz­the­ra­peut in Bad Hom­burg. Micha­el Ham­mes ist im Gespräch mit der Jour­na­lis­tin Bet­ti­na Küb­ler über die wich­ti­ge Rol­le des Pati­en­ten bei der Behand­lung, die Bedeu­tung der alten Meis­ter und die ver­bin­den­de Kraft der Aku­punk­tur.

Akupunktur ist eine Therapieform der TCM
Akupunktur - Eine Kraft die verbindet

Akupunktur ist eine Kunst

Bet­ti­na Küb­ler: Mich hat ein­mal eine Ärz­tin ver­bes­sert, als ich Aku­punk­tur eine „Metho­de“ nann­te – sie sag­te, Aku­punk­tur sei eine Kunst. Sie sind ein Künst­ler?

Dr. med. Micha­el Ham­mes: Arzt zu sein ist eine Kunst. Damit mei­ne ich, dass das, was wir Ärz­te tun, über eine blo­ße Metho­de oder eine Dienst­leis­tung hin­aus­geht. Es wird oft völ­lig über­se­hen, dass die Bezie­hung zwi­schen Arzt und Pati­ent sehr per­sön­lich und indi­vi­du­ell ist, wobei die Pro­fes­sio­na­li­tät auf Sei­ten des Arz­tes natür­lich Vor­aus­set­zung ist. Kunst ist auch die gesam­te Medi­zin, denn sie ist umfas­send oder ganz­heit­lich – zumin­dest ver­ste­he ich sie so. Über die Aku­punk­tur kom­me ich mit dem Pati­en­ten in einen beson­de­ren Kon­takt, es ist eine inni­ge Form des Mit­ein­an­ders im Rin­gen um Gesund­heit. Dabei wird meis­tens auch völ­lig über­se­hen, dass der Fokus nicht nur auf dem Arzt liegt. Auch der Pati­ent kann viel zum Gelin­gen einer Behand­lung bei­tra­gen.

Wie macht er das?

Na ja, manch­mal kann der Pati­ent nicht aktiv mit­ma­chen, wenn er zum Bei­spiel bewusst­los oder unter Nar­ko­se ist. Wobei auch hier der Umgang des Arz­tes mit ihm unbe­wusst, über das vege­ta­ti­ve Ner­ven­sys­tem, wir­ken kann. Wenn der Pati­ent bei Bewusst­sein ist, ist es wich­tig, dass er sich öff­nen kann, dem Arzt ver­traut. Dass er bereit dafür ist, dass mit den Aku­punk­tur­na­deln Kräf­te auf ihn ein­wir­ken, die sein Inne­res aus­glei­chen. Er soll­te auf­merk­sam beob­ach­ten und erspü­ren, was sich wäh­rend der Sit­zun­gen tut. Dabei hilft, dass mit der Aku­punk­tur auch eine Ent­span­nung ein­tritt.

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Aber das müs­sen Sie ihm erst ein­mal erklä­ren …

Natür­lich, aber dazu rei­chen weni­ge Wor­te. Die eigent­li­che Kunst fängt schon bei der Ana­mne­se an, bei der ich mich mit dem Pati­en­ten ein­schwin­ge. Ich gebe mich nie mit Sym­pto­men zufrie­den, son­dern möch­te genau wis­sen, wann, in wel­chen Zusam­men­hän­gen sie auf­tre­ten, wie sich das genau anfühlt, was er sonst noch für Erkran­kun­gen oder Schwach­stel­len hat und so wei­ter. Des­halb neh­me ich mir für die Ana­mne­se auch immer viel Zeit.

Die­ses Vor­ge­hen erin­nert mich sehr an ande­re kom­ple­men­tär­me­di­zi­ni­sche Metho­den, Homöo­pa­thie oder Ayur­ve­da zum Bei­spiel. Hier geht es doch vor allem um die Akti­vie­rung der Selbst­hei­lungs­kräf­te.

Ja, das Prin­zip ist über­all ähn­lich. Mensch, Krank­heit, Gesun­dung, wie das alles zusam­men­hängt, zieht sich durch alle Weis­heits­tra­di­tio­nen. Es liegt am Pati­en­ten, was er anneh­men kann und will.

Akupunktur ist mehr als Nadelstechen

Zurück zur Aku­punk­tur – was geschieht dabei eigent­lich?

Um das zu ver­ste­hen, müs­sen wir uns vom rei­nen Nadel­ste­chen lösen. Es ist ein Instru­ment, mit dem der Arzt Pro­zes­se in Gang setzt. Er schaut auf die inne­re Ord­nung des Pati­en­ten, auf des­sen Qi-Fluss bzw. auf mög­li­che Blo­cka­den. Über sei­ne Kennt­nis mög­li­cher Ein­fluss­punk­te und sei­ne Intui­ti­on ver­schafft er sich dann Zugang zu den Orten, von denen aus er eine aus­glei­chen­de Regu­la­ti­on ansto­ßen oder sogar eine neue Ord­nung her­bei­füh­ren kann.

Also das heißt, der Pati­ent wird krank, weil etwas bei ihm oder in ihm in Unord­nung gera­ten ist?

So unge­fähr. Gera­de unse­re west­li­che Welt trennt so ger­ne: Wis­sen­schaft und Kunst zum Bei­spiel. Die Wis­sen­schaft zer­fällt wei­ter in Natur-, Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, die Kunst in Musik, Male­rei und so wei­ter. Im Kör­per und in der See­le eines Men­schen hat die Tren­nung der Din­ge ein immens krank­ma­chen­des Poten­zi­al. In der Chi­ne­si­schen Medi­zin geht es dar­um, die Ein­heit wie­der her­zu­stel­len, die Din­ge mit­ein­an­der in Ein­klang zu brin­gen. Zum Bei­spiel hat die Hirn­for­schung gezeigt, dass wir all­ge­mein in einem wesent­lich bes­se­ren Zustand sind, wenn wir nicht allei­ne sind, also ein­ge­bun­den sind in Fami­lie, Freun­des- und Kol­le­gen­kreis. Iso­la­ti­on macht krank, Inte­gra­ti­on dient dage­gen der Gesund­heit.

Was hat die Aku­punk­tur als wich­ti­ge Säu­le der Tra­di­tio­nel­len Chi­ne­si­schen Medi­zin heu­te noch mit den Absich­ten der alten chi­ne­si­schen Meis­tern zu tun?

Die so genann­te „Tra­di­tio­nel­le Chi­ne­si­sche Medi­zin“ ist ja ein Kunst­pro­dukt der Neu­zeit, das in Chi­na unter bestimm­ten poli­ti­schen Vor­ga­ben etwa seit den 50er Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts geschaf­fen wur­de. Die neu gegrün­de­te Volks­re­pu­blik Chi­na hat sich aus dem jahr­tau­sen­de­al­ten Heil­sys­tem das her­aus­ge­sucht, was zu ihrer kom­mu­nis­ti­schen Aus­rich­tung pass­te, und schuf eine moder­ne Ver­si­on der Chi­ne­si­schen Medi­zin.

Dabei ist ver­mut­lich viel ver­lo­ren gegan­gen …

So ist es. Trotz eines immensen Schat­zes an his­to­ri­scher Lite­ra­tur sind die Zeug­nis­se der ursprüng­li­chen Pra­xis der Chi­ne­si­schen Medi­zin in der Anti­ke bruch­stück­haft. Wir müs­sen die häu­fig im Meis­ter-Schü­ler-Ver­hält­nis wei­ter­ge­ge­be­nen Kennt­nis­se und Fer­tig­kei­ten wie auch die Pra­xis des Unter­richts aus den ver­füg­ba­ren Zeit­do­ku­men­ten und mit Hil­fe authen­ti­scher „Meis­ter“ rekon­stru­ie­ren.

Durch „inneren Wandel“ gesunden

Und das tun Sie unter ande­rem gemein­sam mit Ihrer Kol­le­gin Dr. med. Roya Schwarz an ihrer Aka­de­mie für Alt­chi­ne­si­sche Medi­zin …

… und geben unse­re Erkennt­nis­se an inter­es­sier­te Ärz­te wei­ter, ja. Uns fas­zi­niert die anti­ke Aus­bil­dung in alter Chi­ne­si­scher Medi­zin. Zum einen war mit der Aus­übung der Medi­zin ein sehr hoher ethi­scher Anspruch ver­bun­den. Der Arzt soll­te sich vor­be­halt­los sei­nem Pati­en­ten zuwen­den, die Sor­ge um das Wohl­erge­hen sei­nes Pati­en­ten über alle ande­ren Inter­es­sen stel­len und im Ide­al­fall nicht dar­auf ange­wie­sen sein, mit der Aus­übung der ärzt­li­chen Kunst sei­nen Lebens­un­ter­halt bestrei­ten zu müs­sen.

In den alten Schrif­ten heißt es sinn­ge­mäß: Der obe­re Arzt erkennt die Krank­heit allein durch Inaugen­sch­ein­nah­me. Der mitt­le­re Arzt erkennt die Krank­heit am Puls. Der klei­ne Hand­wer­ker muss vie­le Fra­gen stel­len. Die Aus­bil­dung in Medi­zin in der chi­ne­si­schen Anti­ke dien­te daher vor allem der Ent­wick­lung einer beson­de­ren Spür­fä­hig­keit und sei­ner per­sön­li­chen Heil­kräf­te. Die höchs­te Form der Behand­lung bestand mög­li­cher­wei­se dar­in, den indi­vi­du­el­len Aus­gangs­punkt der Erkran­kung zusam­men mit dem Pati­en­ten aus­fin­dig zu machen und ihn zu einem inne­ren Wan­del zu befä­hi­gen.



Und wel­che Rol­le spielt dabei die Aku­punk­tur?

Wir haben schon über die inne­re Ord­nung des Pati­en­ten gespro­chen. Um sie wie­der­her­zu­stel­len und damit die Vor­aus­set­zun­gen für eine Gesun­dung zu schaf­fen, kann die Aku­punk­tur gute Diens­te leis­ten. Dazu gehört zum Bei­spiel, dem Pati­en­ten des­sen Stär­ken bewusst zu machen, nega­ti­ve men­ta­le Pro­gram­me zu ver­än­dern und kör­per­li­che und see­li­sche Schwä­chen aus­zu­glei­chen. Gleich­zei­tig ist es enorm wich­tig, dass sich der Pati­ent an die­sem Pro­zess aktiv betei­ligt, zum Bei­spiel durch eine gesun­de Lebens­füh­rung. Die alte Chi­ne­si­sche Medi­zin beschrieb also einen Weg von mehr ober­fläch­li­cher Gesun­dung bis hin zur tief ver­wur­zel­ten inne­ren Gesund­heit.

Der Patient weiß, was hilft

Die­se Ein­sich­ten lei­ten Sie bei Ihrer Arbeit in Ihrer Pri­vat­pra­xis. Aber als Fach­arzt für Neu­ro­lo­gie arbei­ten Sie auch im Kran­ken­haus. Wie las­sen sich die­se bei­den medi­zi­ni­schen Rich­tun­gen ver­bin­den?

Das ist nicht schwie­rig. All die Ebe­nen, auf denen wir medi­zi­nisch arbei­ten, sind letzt­lich unvoll­kom­men. Als Arzt muss ich ler­nen her­aus­zu­fin­den, auf wel­che Wei­se sich ein Pro­blem beim Pati­en­ten vor­nehm­lich mani­fes­tiert. Dabei hilft mal mehr die Schul­me­di­zin, mal mehr die Her­an­ge­hens­wei­se der Chi­ne­si­schen Medi­zin, oft bei­des zusam­men. Manch­mal ist es etwas sehr Kom­ple­xes, dann arbei­te ich inte­griert auf ver­schie­de­nen Ebe­nen. Und manch­mal ist es auch nur ein „ein­ge­klemm­ter Nerv“.

Was ist das Wich­tigs­te, das Sie in bald drei Jahr­zehn­ten ärzt­li­cher Pra­xis gelernt haben?

Dass es der Pati­ent ist, der letzt­end­lich weiß, was ihm am bes­ten hilft. Ich muss es nur schaf­fen, dass wir gemein­sam her­aus­fin­den, was es ist. Es gibt eini­ge Pati­en­ten, die nach lan­ger Suche auf­ge­ge­ben haben – ihnen kann ich nur schwer hel­fen. Es gibt unter den Pati­en­ten auch Dog­ma­ti­ker, die sich den Weg zur Hei­lung selbst ver­bau­en, weil sie ihre Sicht so sehr ein­schrän­ken. Was die Aku­punk­tur angeht, weiß ich inzwi­schen, dass sie nicht nur bei eini­gen bestimm­ten Erkran­kun­gen, son­dern wirk­lich uni­ver­sell ein­setz­bar ist.

Mehr zu Dr. med. Micha­el Ham­mes unter http://www.hammes-akupunktur-neurologie.de

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