Wochenbettdepression oder nur der Babyblues?

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Die Geburt des eige­nen Kin­des soll­te einer der schöns­ten Momen­te im Leben sein. Sie stellt Frau­en dabei jedoch vor eine enor­me kör­per­li­che und emo­tio­na­le Her­aus­for­de­rung. Das Leben als frisch­ge­ba­cke­ne Eltern ändert sich von Grund auf und die­ser Fakt muss zunächst ver­ar­bei­tet wer­den. Eini­ge Frau­en ver­spü­ren in den Tagen nach der Geburt sogar eine zuneh­men­de Melan­cho­lie gepaart mit Reiz­bar­keit und Angst­zu­stän­den. Hält die­ser Zustand län­ger als zwei Wochen an, kann es sein, dass eine Wochen­bett­de­pres­si­on und kei­ne vor­über­ge­hen­de Stim­mungs­kri­se vor­liegt.

Die Pro­ble­me bei der Dia­gno­se­stel­lung sind oft­mals die Abgren­zung zum ’nor­ma­len’ Baby­blues sowie der Stolz der Mut­ter. Vie­le Frau­en behal­ten ihre Gefüh­le für sich, um nach außen hin das per­fek­te Mut­ter­bild abzu­ge­ben. Sie reden sich dabei ein, stark sein zu müs­sen. Eine Wochen­bett­de­pres­si­on ist jedoch eine ernst­zu­neh­men­de Krank­heit, die in den meis­ten Fäl­len einer Behand­lung bedarf. Die Ursa­chen kön­nen dabei viel­fäl­tig sein und von der fami­liä­ren Situa­ti­on bis hin zu einer Erkran­kung der Schild­drü­se (Hash­i­mo­to Thy­reoi­di­tis) rei­chen. Offen­heit über die eige­nen Gefüh­le und Auf­klä­rung über das The­ma sind dabei oft die ers­ten Schrit­te zur Bes­se­rung und Ent­ta­bui­sie­rung.

Frau mit Wochenbettdepression sitzend neben Kinderbett mit Baby
Einige Frauen fühlen sich nach der Geburt traurig, überfordert und hoffnungslos.

Was ist eine Wochenbettdepression?

Eine Wochen­bett­de­pres­si­on, auch bezeich­net als Kind­bett­de­pres­si­on oder post­na­ta­le (lat. natus=Geburt) bezie­hungs­wei­se postpar­ta­le (lat. partus=Entbindung) Depres­si­on, beschreibt eine aus­ge­präg­te Trau­rig- und Hoff­nungs­lo­sig­keit, die bei Frau­en im ers­ten Jahr nach der Ent­bin­dung ein­tre­ten kann. Hin­zu kom­men kön­nen wei­te­re Sym­pto­me einer klas­si­schen Depres­si­on wie Antriebs­lo­sig­keit, inne­re Lee­re und Schuld­ge­füh­le. Frau­en ver­spü­ren bei einer postpar­ta­len Depres­si­on (PPD) zudem noch eine Gefühl­lo­sig­keit gegen­über dem Kind oder Ängs­te die­ses nicht ver­sor­gen zu kön­nen. Die Ursa­chen der Ent­ste­hung kön­nen dabei viel­fäl­tig sein und von der Hor­mon­um­stel­lung über Pro­ble­me mit der Schild­drü­se bis hin zum sozia­len Umfeld rei­chen. Tref­fen kann es grund­sätz­lich jeden – auch die Väter. Fakt ist jedoch, dass man sich für die­sen Umstand nicht schä­men muss. Die Wochen­bett­de­pres­si­on ist meist nur ein tem­po­rä­res Phä­no­men, wel­ches gut behan­delt wer­den kann.

Abgrenzung zu anderen psychischen Krisen nach der Geburt

Im all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch wird die Wochen­bett­de­pres­si­on meist mit ande­ren postpar­ta­len Phä­no­men gleich­ge­setzt. Hier­bei sind jedoch kla­re Gren­zen zu zie­hen:

Babyblues

Der Post­par­tum Blues bezie­hungs­wei­se Baby­blues bezeich­net eine vor­über­ge­hen­de Stim­mungs­kri­se in den ers­ten Tagen nach der Ent­bin­dung. Meist tritt sie am drit­ten Tag ein. Müt­ter wei­sen in die­ser Zeit eine gestei­ger­te Sen­si­bi­li­tät gepaart mit Reiz­bar­keit auf. Sie füh­len sich oft trau­rig und erschöpft und kön­nen ohne ersicht­li­chen Grund jeder­zeit in Trä­nen aus­bre­chen. Auf­grund des­sen wird die­ses Phä­no­men auch umgangs­sprach­lich ‘Heul­ta­ge’ genannt.

Rund 25 bis 80 % aller Müt­ter sind vom Baby­blues betrof­fen. Die­se Zah­len klaf­fen so weit aus­ein­an­der, da die Unter­schei­dung zwi­schen Post­par­tum Blues und ’nor­ma­len’ Erschöp­fungs­zu­stän­den sehr sub­jek­tiv ist. Man­che Men­schen sehen Schlaf­stö­run­gen und Müdig­keit als Selbst­ver­ständ­lich­keit nach einer Geburt an, ande­re wie­der­um nicht. Die Unter­schei­dung zur Wochen­bett­de­pres­si­on liegt jedoch in der Schwe­re und Dau­er der Sym­pto­me. Ein Baby­blues hat meist nur leicht aus­ge­präg­te Beschwer­den, die nach spä­tes­tens zwei Wochen vor­bei sein soll­ten. Hal­ten die­se län­ger an, kann eine Wochen­bett­de­pres­si­on vor­lie­gen. An sich hat der Post­par­tum Blues kei­nen Krank­heits­wert und muss nicht behan­delt wer­den. Er ist weni­ger eine psy­chi­sche Stö­rung als ein ganz natür­li­cher Umstel­lungs­pro­zess des Kör­pers wäh­rend des Wochen­betts.

Postpartale Angstzustände

Nach einer Geburt ist es völ­lig nor­mal, dass sich bestimm­te Ängs­te ent­wi­ckeln. Dazu gehört die Angst, dass dem eige­nen Kind etwas zusto­ßen könn­te, dass es krank wird oder dass man es nicht rich­tig oder aus­rei­chend ver­sorgt. Ent­wi­ckeln sich die­se Gedan­ken jedoch in eine zwang­haf­te Rich­tung und begin­nen den All­tag zu domi­nie­ren, kann eine Angst­stö­rung vor­lie­gen. Hin­zu kom­men kön­nen dabei auch Panik­at­ta­cken. Eine Angst­stö­rung kann völ­lig unab­hän­gig von einer Depres­si­on exis­tie­ren, begüns­tigt jedoch die Ent­ste­hung sel­bi­ger.

Postpartale Psychose

Von 1.000 Gebur­ten erlei­den ein bis zwei Frau­en eine Postpar­ta­le Psy­cho­se. Die­se tritt in den ers­ten sechs Wochen auf, jedoch meist in der ers­ten oder zwei­ten. Die Sym­pto­me glei­chen der einer postpar­ta­len Depres­si­on sind jedoch um eini­ges gra­vie­ren­der in ihrer Inten­si­tät. Hin­zu kom­men psy­cho­ti­sche Sym­pto­me wie Denk- und Ver­hal­tens­stö­run­gen, Rea­li­täts­ver­lust, Hal­lu­zi­na­tio­nen und Wahn­vor­stel­lun­gen. Eine postpar­ta­le Psy­cho­se muss umge­hend sta­tio­när behan­delt wer­den, da sonst im schlimms­ten Fall ein Sui­zid oder Infan­ti­zid (Kinds­tö­tung) droht.

Entstehung

Eine PPD kann inner­halb des ers­ten Jah­res nach der Geburt ent­ste­hen. In 70 % der Fäl­le tritt sie jedoch schon in den ers­ten zwei Wochen auf. Sie kann meh­re­re Wochen oder sogar Jah­re dau­ern, wenn nicht recht­zei­tig ein­ge­grif­fen wird. Lei­der wird die Erkran­kung oft zu spät erkannt, da der Beginn oft schlei­chend und der Über­gang von nor­ma­len Erschöp­fungs­zu­stän­den häu­fig flie­ßend ist. Es ist daher sehr wich­tig, dass das per­sön­li­che Umfeld auf Anzei­chen und Wesens­ver­än­de­run­gen ach­tet und die Betrof­fe­ne gege­be­nen­falls dar­auf anspricht.

Es konn­te nach­ge­wie­sen wer­den, dass Müt­ter, die stil­len, ein viel gerin­ge­res Risi­ko auf­wei­sen an einer postpar­ta­len Depres­si­on zu erkran­ken, als Müt­ter, die nicht stil­len. Dies liegt dar­an, dass beim Still­vor­gang das Glücks­hor­mon Oxy­to­cin aus­ge­schüt­tet wird. Die Still­zeit ist des Wei­te­ren her­vor­ra­gend geeig­net die Mut­ter-Kind-Bin­dung zu stär­ken.

Häufigkeit der Wochenbettdepression

Von der Stim­mungs­kri­se nach der Geburt sind 10 bis 15 % aller Frau­en betrof­fen. Die Quo­te ist bei jugend­li­chen Müt­tern jedoch weit­aus höher. Von Frau­en, die kei­ner­lei depres­si­ve Vor­er­kran­kun­gen besit­zen, erkran­ken cir­ca 8 % an der Wochen­bett­de­pres­si­on.

Ent­ge­gen der all­ge­mei­nen Mei­nung kön­nen auch Väter unter post­na­ta­len Depres­sio­nen oder einem Stim­mungs­tief lei­den. Cir­ca 4 bis 8 % erkran­ken dar­an. Män­ner machen zwar kei­ne hor­mo­nel­le Umstel­lung durch, sehen sich mit dem neu­en Zustand des Vaterseins jedoch über­for­dert. Oft sind die Depres­sio­nen des Vaters auch eine Reak­ti­on auf die Wochen­bett­de­pres­sio­nen der Part­ne­rin, da sie sich in die­ser Situa­ti­on hilf- und macht­los füh­len.

Symptome der Wochenbettdepression

Die Sym­pto­me der Wochen­bett­de­pres­si­on ähneln im Groß­teil der einer klas­si­schen Depres­si­on. Sie kön­nen nur ver­ein­zelt und in unter­schied­li­cher Inten­si­tät vor­lie­gen. Hin­zu kom­men kön­nen noch ambi­va­len­te Gefüh­le dem Kind gegen­über. Vie­le betrof­fe­ne Frau­en sind ihrem Kind gegen­über ohne jeg­li­che Gefüh­le. Die­ser Umstand führt zu Selbst­vor­wür­fen, da das in der Öffent­lich­keit pro­pa­gier­te Mut­ter­bild oft per­fekt ist. Die meis­ten Müt­ter mit einer postpar­ta­len Depres­si­on ver­sor­gen ihr Kind zwar ord­nungs­ge­mäß, jedoch eher wie einen Gegen­stand ohne lie­be­vol­le Zuwen­dung. In gra­vie­ren­den Fäl­len kön­nen sogar Aggres­sio­nen oder Gewalt­fan­ta­si­en gegen­über dem Neu­ge­bo­re­nen ent­ste­hen. Tat­säch­li­che Miss­hand­lun­gen und Infan­ti­zid (Kinds­tö­tung) sind eher Sym­pto­me der postpar­ta­len Psy­cho­se und äußerst sel­ten.

Da der Beginn der Erkran­kung meist schlei­chend ist und Sym­pto­me wie Schlaf­stö­run­gen und Kopf­schmer­zen meist Resul­tat der neu­en Lebens­um­stän­de sind, soll­ten Part­ner, Fami­lie und Freun­de genau dar­auf ach­ten, ob eine Wesens­ver­än­de­rung der Mut­ter vor­liegt. Ein ehr­li­ches Nach­fra­gen und Spre­chen über das Befin­den ist dabei meist schon eine gro­ße Hil­fe.

Die Sym­pto­me auf einen Blick:
  • Ener­gie­man­gel, Antriebs­lo­sig­keit
  • Nie­der­ge­schla­gen­heit und Melan­cho­lie
  • Gefüh­le von inne­rer Lee­re und Schuld
  • gestei­ger­te Reiz­bar­keit
  • Schlaf­stö­run­gen
  • sexu­el­le Unlust
  • Ängs­te und Panik­at­ta­cken
  • Schwin­del
  • Appe­tit­man­gel
  • Soma­ti­sche Beschwer­den: Kopf­schmer­zen, Rücken­schmer­zen, Herz­be­schwer­den
  • Des­in­ter­es­se, Aggres­sio­nen oder Gewalt­fan­ta­si­en dem eige­nen Kind gegen­über
  • Selbst­ver­let­zung und Selbst­mord­ge­dan­ken

Auswirkungen der Wochenbettdepression

Je nach­dem wie stark die Wochen­bett­de­pres­sio­nen aus­ge­prägt sind, kann sie Aus­wir­kun­gen auf das Pri­vat- und Sozi­al­le­ben haben. Bei mitt­le­ren bis star­ken Wochen­bett­de­pres­sio­nen ver­nach­läs­sigt die Mut­ter meist die eige­ne Kör­per­hy­gie­ne, den Haus­halt und die sozia­len Kon­tak­te. Die­ser Umstand mün­det meist in sozia­ler Iso­la­ti­on.

Auch die Bezie­hung zum Part­ner kann erheb­lich unter einer post­na­ta­len Depres­si­on lei­den. Wenn der Vater nicht genü­gend über das Krank­heits­bild infor­miert ist, kann er die Teil­nahms­lo­sig­keit der Betrof­fe­nen gegen­über dem Kind als feh­len­de Lie­be miss­in­ter­pre­tie­ren und sei­ne Part­ne­rin dafür ver­ur­tei­len. Vie­le Väter füh­len sich auch auf­grund der meist läh­men­den Trau­rig­keit der Mut­ter hilf- und macht­los. Dadurch distan­zie­ren sich eini­ge aus Selbst­schutz emo­tio­nal von der Part­ne­rin. Um die Paar­be­zie­hung auch wei­ter­hin gesund zu hal­ten, ist Ver­ständ­nis und Auf­klä­rung über die Krank­heit essen­zi­ell.

Sind die Depres­sio­nen stark aus­ge­prägt oder liegt sogar eine postpar­ta­le Psy­cho­se vor, kann dar­un­ter die Bezie­hung zum Kind lei­den. Es besteht die Mög­lich­keit, dass die Mut­ter-Kind-Bezie­hung ein Leben lang pro­ble­ma­tisch bleibt und dass das Kind Stö­run­gen in sei­ner emo­tio­na­len und kogni­ti­ven Ent­wick­lung sowie Ver­hal­tens­stö­run­gen auf­weist.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursa­chen für die Wochen­bett­de­pres­si­on sind noch nicht voll­stän­dig geklärt und man­che Theo­ri­en sogar umstrit­ten. Wahr­schein­lich ist bei der Ent­ste­hung jedoch ein Zusam­men­wir­ken von meh­re­ren Fak­to­ren gege­ben.

Hormonelle Umstellung

Als häu­figs­te aller Ursa­chen wir oft die hor­mo­nel­le Umstel­lung des weib­li­chen Kör­pers nach der Geburt genannt. Nach der Ent­bin­dung und vor allem nach der Geburt des Mut­ter­ku­chens sinkt im Kör­per der Östro­gen- und Pro­ges­te­ron­spie­gel. Die­se weib­li­chen Geschlechts­hor­mo­ne besit­zen eine aus­glei­chen­de Wir­kung auf das Gemüt und machen weni­ger anfäl­lig für Depres­sio­nen und Psy­cho­sen. Des Wei­te­ren steigt der Spie­gel des Hor­mons Pro­lak­tin nach der Geburt an, wel­ches den Ruf hat, Stim­mungs­kri­sen und Wochen­bett­de­pres­sio­nen aus­zu­lö­sen.

Eine Wochen­bett­de­pres­si­on auf­grund einer hor­mo­nel­len Ver­än­de­rung klingt zwar ein­leuch­tend, Medi­zi­ner konn­ten jedoch noch kei­nen ein­deu­ti­gen Beweis für die­se The­se lie­fern. Sie gilt daher als umstrit­ten. Gegen die­se The­se spricht, dass man­che Frau­en schon wäh­rend der Schwan­ger­schaft an einer Stim­mungs­kri­se lei­den.

Umstellung des Stoffwechsels/ Erkrankung der Schilddrüse

Neben dem Hor­mon­haus­halt ver­än­dert sich nach der Schwan­ger­schaft auch der Stoff­wech­sel der Mut­ter. Die­ser wird maß­geb­lich von der Schild­drü­se gesteu­ert. Erkran­kun­gen der Schild­drü­se wie Schild­drü­sen­un­ter­funk­ti­on oder Hash­i­mo­to Thy­reoi­di­tis ent­ste­hen meist in Pha­sen der Hor­mon­um­stel­lung. Dazu gehö­ren Puber­tät, Wech­sel­jah­re, Ein­nah­me oder Abset­zen der Pil­le und eben Schwan­ger­schaf­ten sowie Gebur­ten. Bei einer Unter­funk­ti­on oder Hash­i­mo­to wer­den zu wenig Schild­drü­sen­hor­mo­ne pro­du­ziert, was zu einem lang­sa­me­ren Stoff­wech­sel führt. Dar­aus resul­tiert eine andau­ern­de Müdig­keit. Fehl­funk­tio­nen der Schild­drü­se ste­hen nicht sel­ten im Zusam­men­hang mit depres­si­ven Ver­stim­mun­gen. Es ist daher rat­sam, im ers­ten Jahr nach der Geburt sei­ne Schild­drü­sen­wer­te regel­mä­ßig vom Arzt kon­trol­lie­ren zu las­sen.

Soziale Situation

Die sozia­le Situa­ti­on und die fami­liä­ren Umstän­de der Mut­ter kön­nen eben­falls Ein­fluss auf die Ent­ste­hung einer Wochen­bett­de­pres­si­on haben. Finan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten, eine pro­ble­ma­ti­sche Wohn­si­tua­ti­on und man­geln­de Unter­stüt­zung sei­tens des Part­ners und der Fami­lie ver­ur­sa­chen Gefüh­le der Hoff­nungs­lo­sig- und Ein­sam­keit. Psy­chi­sche und phy­si­sche Unter­stüt­zung sowie ein Gefühl der Gebor­gen­heit sind maß­geb­lich für die geis­ti­ge Gesund­heit.

Psychische Vulnerabilität

In der Psy­cho­lo­gie beschreibt die Vul­nera­bi­li­tät (Ver­letz­lich­keit) den Grad der Resi­li­enz (Wider­stands­fä­hig­keit) einer Per­son gegen­über Stress, Pro­ble­men und belas­ten­den Situa­tio­nen. Ein vul­nera­bler Mensch lässt sich von Ereig­nis­sen schnell aus der Bahn wer­fen und erholt sich nur schwer von Stress. Die­se Per­so­nen­grup­pe ist gene­rell anfäl­li­ger für psy­chi­sche Erkran­kun­gen. Wie ver­letz­lich wir sind, wird zum einen von unse­ren Genen und zum ande­ren von unse­ren Lebens­er­fah­run­gen bestimmt, wobei nach wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen die Gene eine wahr­schein­lich grö­ße­re Rol­le spie­len.

Ver­letz­li­che Men­schen haben oft zu hohe Ansprü­che an sich selbst, die nicht erfüllt wer­den kön­nen. Im Fall der Wochen­bett­de­pres­si­on ist es ein über­stei­ger­tes Mut­ter­bild, dem die Betrof­fe­nen ent­spre­chen möch­ten.

Des Wei­te­ren liegt eine erhöh­te Vul­nera­bi­li­tät vor, wenn in der Ver­gan­gen­heit bereits Erfah­run­gen mit men­ta­len Pro­ble­men gemacht wur­den. Eine Mut­ter, die in ihrem bis­he­ri­gen Leben bereits Depres­sio­nen, Zwän­ge oder Angst­stö­run­gen durch­lebt hat, besitzt ein viel höhe­res Risi­ko an einer Wochen­bett­de­pres­si­on zu erkran­ken als Frau­en, die stets men­tal gesund waren.

Auch sind Frau­en gene­rell anfäl­li­ger für Wochen­bett­de­pres­sio­nen, wenn die­se bereits in der Fami­li­en­ge­schich­te vor­ka­men, die Frau wel­che bei vor­he­ri­gen Gebur­ten erlitt oder die Frau beim Ein­tre­ten der Regel­blu­tung regel­mä­ßig über depres­si­ve Ver­stim­mun­gen klagt.

Traumata

Eine erhöh­te Vul­nera­bi­li­tät bezüg­lich einer Wochen­bett­de­pres­si­on besit­zen auch Frau­en, die in ihrer Ver­gan­gen­heit Trau­ma­ta erle­ben muss­ten. Dazu gehö­ren ein­schnei­den­de Erleb­nis­se, sexu­el­ler Miss­brauch oder häus­li­che Gewalt. Vie­le Men­schen ent­wi­ckeln dar­auf­hin eine post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung (PTBS), bei der durch bestimm­te Trig­ger alte Gefüh­le wie­der an die Ober­flä­che tre­ten und eine Ret­rau­ma­ti­sie­rung statt­fin­den kann.

Körperliche und geistige Erschöpfung

Gera­de nach der Geburt des ers­ten Kin­des ist die Umstel­lung der Lebens­um­stän­de sehr groß. Eltern sehen sich mit kur­zen und schlaf­lo­sen Näch­ten kon­fron­tiert, da Babys in den ers­ten Wochen und Mona­ten noch nicht die Nacht durch­schla­fen kön­nen. Die­ser Schlaf­man­gel erzeugt Tages­mü­dig­keit, Kopf­schmer­zen, Kon­zen­tra­ti­ons­schwä­che und Reiz­bar­keit. Je län­ger und schlim­mer der Man­gel an Schlaf, umso dün­ner wird das Ner­ven­kos­tüm mit der Zeit. Dies kann bei Frau­en mit einer hohen Vul­nera­bi­li­tät schnell zu einer Wochen­bett­de­pres­si­on füh­ren. In einer Paar­be­zie­hung soll­ten sich die Eltern regel­mä­ßig bei der nächt­li­chen Ver­sor­gung abwech­seln, um die Schla­fens­zeit der Mut­ter zu erhö­hen.

Beson­ders ein soge­nann­tes ‘Schreiba­by’ hält die Eltern die gan­ze Nacht wach. Der Begriff beschreibt Kin­der, die beson­ders viel und exzes­siv schrei­en. Hil­fe hier­für bie­ten meh­re­re Schrei­am­bu­lan­zen in Deutsch­land. Hier wer­den Eltern Ver­hal­tens­stra­te­gi­en für die Inter­ak­ti­on mit dem Kind mit an die Hand gege­ben und es wird aktiv an der Bezie­hung zum Kind gear­bei­tet.

Wäh­rend durch den Schlaf­man­gel eine kör­per­li­che Erschöp­fung ein­tritt, schleicht sich auch eine geis­ti­ge Erschöp­fung durch die Mono­to­nie der Tages­ge­stal­tung ein. Frisch­ge­ba­cke­ne Müt­ter haben nun wenig Zeit für sich selbst und ver­brin­gen den Groß­teil des Tages mit der Ver­sor­gung des Neu­ge­bo­re­nen. Frei­zeit und Sozi­al­le­ben wer­den dann erst ein­mal auf ein Mini­mum redu­ziert oder kom­plett gestri­chen. Für Frau­en, die vor­her mit­ten im (Berufs-) Leben stan­den, kann die­se ein­tö­ni­ge Lebens­si­tua­ti­on mit feh­len­den geis­ti­gen Sti­mu­li belas­tend sein.

Schwierige Geburt/ ungewolltes Kind

Die Ent­wick­lung einer Wochen­bett­de­pres­si­on steht eben­falls im Zusam­men­hang mit dem Vor­gang der Geburt selbst. Viel­leicht woll­te die Frau zu Hau­se ent­bin­den und muss­te dann doch in die Kli­nik. Womög­lich hat sie sich eine natür­li­che Geburt gewünscht und es muss­te doch ein Kai­ser­schnitt durch­ge­führt wer­den. Unter Umstän­den gab es schwer­wie­gen­de Kom­pli­ka­tio­nen, die das Leben von Mut­ter und Kind gefähr­det haben. Bei all die­sen unglück­li­chen Fäl­len kann bei der Betrof­fe­nen eine nega­ti­ve Kon­no­ta­ti­on zur Geburt und damit zum Kind an sich ent­ste­hen, wel­ches ein Sym­ptom der PPD dar­stellt.

Ein schwie­ri­ges Ver­hält­nis zum eige­nen Baby kann eben­falls ent­ste­hen, wenn es kein Wunsch­kind ist. Mög­li­cher­wei­se passt es nicht in die eige­nen Lebens­um­stän­de oder ist sogar das Resul­tat einer Ver­ge­wal­ti­gung oder unge­sun­den Bezie­hung. In die­sen Fäl­len kön­nen Hass­ge­füh­le dem Erzeu­ger gegen­über auf das Kind pro­ji­ziert wer­den, was sehr fatal sein kann.

Diagnosefindung

Es gibt kei­ne all­ge­mei­ne Vor­ge­hens­wei­se, um Wochen­bett­de­pres­sio­nen zu dia­gnos­ti­zie­ren.

Um jedoch kör­per­li­che Ursa­chen aus­schlie­ßen zu kön­nen, ist es wich­tig, im ers­ten Jahr nach der Geburt regel­mä­ßig die Schild­drü­sen­wer­te in einer Endo­kri­no­lo­gie kon­trol­lie­ren zu las­sen. Durch die Hor­mon­um­stel­lung kann sich näm­lich eine Unter­funk­ti­on oder die Auto­im­mun­erkran­kung Hash­i­mo­to Thy­reoi­di­tis ent­wi­ckeln. Die­se bei­den Erkran­kun­gen begüns­ti­gen wie­der­um die Ent­ste­hung von Depres­sio­nen.

Konn­ten phy­si­sche Ursa­chen wie eine feh­ler­haf­te Schild­drü­sen­funk­ti­on aus­ge­schlos­sen wer­den, liegt es an Part­ner und Umfeld even­tu­el­le Wesens­ver­än­de­run­gen der Frau zu beob­ach­ten und die Mut­ter neu­tral dar­auf anzu­spre­chen. Auch die Mut­ter soll­te sich selbst und ihren Gefüh­len offen gegen­über ste­hen und kei­nen fal­schen Stolz bezie­hungs­wei­se über­stei­ger­tes Mut­ter­bild besit­zen.

Auch der behan­deln­de Frau­en­arzt, der Haus­arzt und die Heb­am­me ste­hen in der Ver­ant­wor­tung, regel­mä­ßig nach dem Befin­den der Pati­en­tin­nen zu fra­gen und die Ant­wor­ten kri­tisch zu bewer­ten.

Zur Bewer­tung, ob und in wel­chem Schwe­re­grad eine Wochen­bett­de­pres­si­on vor­liegt, kann die Edin­burgh-Post­na­tal-Depres­si­on-Sca­le (EPDS) hilf­reich sein. Es han­delt sich dabei um einen Fra­ge­bo­gen mit zehn Äuße­run­gen, bei denen die Frau bewer­ten muss, in wel­chem Maß die­se jeweils auf sie zutref­fen und wie nie­der­ge­schla­gen sie ist. Die­ser Fra­ge­bo­gen wird ger­ne von Ärz­ten als Anhalts­punkt benutzt, kann jedoch auch zu Hau­se zur ers­ten Selbst­ein­schät­zung für die Mut­ter selbst die­nen.

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Behandlung

Leich­te Depres­sio­nen: Bei leich­ten Depres­sio­nen kann es schon enorm hilf­reich sein, offen über das The­ma und die eige­nen Gefüh­le zu reden. Man soll­te sein Umfeld aus­rei­chend infor­mie­ren, um emo­tio­na­le und phy­si­sche Unter­stüt­zung zu erhal­ten. Neben der Unter­stüt­zung durch Part­ner, Fami­lie und Freun­de kann man sich auch pro­fes­sio­nel­le Hil­fe durch eine Heb­am­me, ein Kin­der­mäd­chen oder eine Haus­halts­hil­fe suchen. Durch die Ent­las­tung kann sich die Mut­ter um eini­ges schnel­ler rege­ne­rie­ren und zu ihrer alten Form zurück­fin­den. Soll­ten die Beschwer­den durch ein Schreiba­by ver­ur­sacht wer­den, hilft die Kon­sul­ta­ti­on einer Schrei­am­bu­lanz für eine bes­se­re Inter­ak­ti­on mit dem Kind.

Mitt­le­re Depres­sio­nen: Für die Behand­lung mitt­le­rer Wochen­bett­de­pres­sio­nen reicht die Hil­fe des Umfel­des meist nicht mehr aus. Es soll­te ein Psy­cho­the­ra­peut auf­ge­sucht und eine ambu­lan­te The­ra­pie in Anspruch genom­men wer­den. Hilf­reich für eine PPD kön­nen eine Gesprächs- oder Ver­hal­tens­the­ra­pie sein. Wich­tig ist dabei, dass auch der Part­ner und die Fami­lie in die The­ra­pie mit ein­be­zo­gen wer­den, um ein Ver­ständ­nis für die Krank­heit zu gene­rie­ren. Bei Bedarf kön­nen zusätz­lich noch Anti­de­pres­si­va ver­schrie­ben wer­den. Die Wirk­stof­fe die­ser Medi­ka­men­te kön­nen jedoch in die Mut­ter­milch über­ge­hen. Soll­te die Medi­ka­ti­on wäh­rend der Still­zeit statt­fin­den, kann der Frau­en­arzt bezie­hungs­wei­se The­ra­peut Aus­kunft geben, wel­ches Prä­pa­rat still­ver­träg­lich ist.

Schwe­re Depres­sio­nen: Bei schwe­ren Depres­sio­nen reicht eine ambu­lan­te Psy­cho­the­ra­pie nicht mehr aus und ein sta­tio­nä­rer Auf­ent­halt in einer Kli­nik ist unum­gäng­lich. Für Wochen­bett­de­pres­sio­nen gibt es spe­zi­el­le Mut­ter-Kind-Kli­ni­ken, die eine opti­ma­le Ver­sor­gung des Kin­des gewähr­leis­ten. Auch wird hier mit den Pati­en­tin­nen aktiv an ihrer Bezie­hung zum Kind gear­bei­tet. Bei einem schwe­ren Ver­lauf der Krank­heit ist die Ein­nah­me von Anti­de­pres­si­va unent­behr­lich. Bei der Medi­ka­ti­on kom­men meist tri­zy­kli­sche Anti­de­pres­si­va oder Selek­ti­ve Sero­to­nin-Wie­der­auf­nah­me­hem­mer zum Ein­satz, die schon nach ein paar Wochen eine signi­fi­kan­te Bes­se­rung her­bei­brin­gen kön­nen.

Prognose

Nach der Schwan­ger­schaft an einer Wochen­bett­de­pres­si­on zu erkran­ken ist kei­ne Schan­de und in den meis­ten Fäl­len völ­lig unge­fähr­lich. Es besteht kein Grund zur Hoff­nungs­lo­sig­keit, da leich­te Ver­läu­fe der Krank­heit mit genü­gend Unter­stüt­zung meist von allei­ne wie­der aus­hei­len. Auch die Pro­gno­sen für mitt­le­re bis schwe­re PPD sind sehr gut. Je früh­zei­ti­ger die Krank­heit erkannt und die Behand­lung begon­nen wird, umso bes­ser und schnel­ler kann sie wie­der kuriert wer­den. Die Post­na­ta­len Depres­sio­nen sind meist ein tem­po­rä­res Phä­no­men, von dem sich der Groß­teil der Frau­en wie­der voll­stän­dig erholt.

Quellen

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