Volkskrankheit Migräne: Neuer Wirkstoff gibt Hoffnung

Volkskrankheit Migräne: Neuer Wirkstoff gibt Hoffnung

In Deutsch­land lei­den schät­zungs­wei­se etwa neun Mil­lio­nen Men­schen unter Migrä­ne — eine Krank­heit, die auf­grund ihrer wei­ten Ver­brei­tung auch als Volks­krank­heit gilt. Neben cha­rak­te­ris­tisch hef­ti­gen, anfalls­ar­ti­gen und pul­sie­rend-pochen­den Kopf­schmer­zen wird die Migrä­ne in den meis­ten Fäl­len von unspe­zi­fi­schen Sym­pto­men wie Übel­keit, Erbre­chen, Licht- und Geräusch­emp­find­lich­keit beglei­tet. Oft­mals kün­digt sich eine Migrä­ne­at­ta­cke über mög­li­che Vor­bo­ten und Begleit­sym­pto­me an, die sich bei­spiels­wei­se über Seh­stö­run­gen, Schwin­del oder Taub­heit bemerk­bar machen. Vie­le Betrof­fe­ne beob­ach­ten zudem, dass auf bestimm­te Din­ge oder Situa­tio­nen häu­fig eine Atta­cke folgt. Zu sol­chen Aus­lö­sern, auch “Trig­ger” genannt, gehö­ren unter ande­rem star­ke kör­per­li­che Betä­ti­gung, ein hohes Stress­auf­kom­men, über­mä­ßi­ger Alko­hol­kon­sum oder Schlaf­man­gel.

Hoffnung für Migräniker?

Das Krank­heits­bild der Migrä­ne gilt auch als dritt­häu­figs­te Erkran­kung der Welt — allein in Deutsch­land treibt sie über acht Mil­lio­nen Men­schen dazu, das unan­ge­neh­me Pochen und meist halb­sei­ti­ge Ste­chen mit Medi­ka­men­ten zu betäu­ben. Der­zeit gibt es jedoch, ins­be­son­de­re für Men­schen mit chro­ni­scher Migrä­ne, nur weni­ge Medi­ka­men­te, die einen effek­ti­ven und schmerz­lin­dern­den Effekt zei­gen.

Doch viel­leicht gibt es Hoff­nung für Migrä­ne­ge­plag­te: Laut des New Eng­land Jour­nals of Medi­ci­ne sol­len For­scher nun ein Mit­tel gefun­den haben, das erst­mals einen direk­ten Ein­fluss auf den Krank­heits­me­cha­nis­mus haben soll. Die Spra­che ist von einer [tool­tip tip=“vorbeugend, abschreckend”]präventiv[/tooltip] wir­ken­den Schmerz­sprit­ze, die sowohl bei Pati­en­ten mit chro­ni­scher, als auch mit epi­sodi­scher Migrä­ne wir­ken soll. Übli­cher­wei­se tritt eine Migrä­ne in von­ein­an­der abgrenz­ba­ren Kopf­schmerz-Atta­cken auf, was für eine epi­sodi­sche Migrä­ne spricht. Wer­den die­se Atta­cken jedoch immer häu­fi­ger und gehen nahe­zu inein­an­der über, so wird aus einer epi­sodi­schen eine chro­ni­sche Migrä­ne. In der Medi­zin gilt die Migrä­ne als chro­nisch, sofern sie an min­des­tens acht Tagen des Monats mit­samt Atta­cken auf­tritt, wäh­rend die Pati­en­ten zusätz­li­che sie­ben Tage an Kopf­schmer­zen lei­den. Von einer peri­odi­schen Migrä­ne spricht man hin­ge­gen, wenn Men­schen zwar regel­mä­ßig, aber an weni­ger als 15 Tagen an Atta­cken lei­den.

Fremazumab und Erenumab

In kli­ni­schen Stu­di­en wur­den anhand 2000 sorg­fäl­tig aus­ge­wähl­ter Pro­ban­den zwei ver­schie­de­ne Sub­stan­zen zur Behand­lung der epi­sodi­schen und chro­ni­schen Migrä­ne getes­tet: Fre­ma­zumab und Eren­um­ab. Wäh­rend Fre­ma­zumab Pati­en­ten mit chro­ni­scher Migrä­ne inji­ziert wur­de, wur­de Eren­um­ab Stu­di­en­teil­neh­mern mit epi­sodi­scher Migrä­ne ver­ab­reicht. Die Mög­lich­keit, über eine sym­pto­ma­ti­sche Behand­lung hin­aus direkt in den Krank­heits­me­cha­nis­mus ein­zu­grei­fen, sei ein neu­er Schritt in der Mensch­heits­ge­schich­te, erklärt Prof. Dr. Hart­mut Göbel, Chef­arzt und Lei­ter der Schmerz­kli­nik Kiel. Mitt­ler­wei­se habe die For­schung wei­te­re Erkennt­nis­se über das bis­her min­der ver­stan­de­ne Krank­heits­bild der Migrä­ne gewon­nen, was den medi­zi­ni­schen Erfolg erst mög­lich gemacht habe, so Göbel.

Dank der Stu­die ist nun ein ent­schei­den­der Fak­tor bewie­sen: Der Hypo­tha­la­mus spielt eine tra­gen­de Rol­le in der Ent­ste­hung von Migrä­ne. Der Hypo­tha­la­mus dient als zen­tra­le Regu­la­ti­ons­stel­le zwi­schen dem endo­kri­nen Sys­tem und dem Ner­ven­sys­tem. Er steu­ert vege­ta­ti­ve Funk­tio­nen des Orga­nis­mus, wie etwa die Kör­per­tem­pe­ra­tur, den Kreis­lauf oder das Hun­ger- und Durst­ge­fühl. Die Stu­die beweist eine star­ke Akti­vi­tät des Hypo­tha­la­mus etwa 24 Stun­den vor einer Migrä­ne-Atta­cke. Mit­hil­fe eines Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fen, kurz MRT, konn­te dann die sich aus­brei­ten­de Ver­bin­dung zwi­schen Hypo­tha­la­mus und dem soge­nann­ten spi­na­len Tri­ge­mi­nus­kern her­aus­ge­stellt wer­den. Der Tri­ge­mi­nus­kern ist Ursprung des Tri­ge­mi­nus-Nervs — der fünf­te von zwölf Hirn­ner­ven. Wie der Name schon ver­rät, ist die­ser Nerv drei­ge­teilt und ver­läuft in jeweils drei Ästen zu Aug­ap­fel, Ober- und Unter­kie­fer.

In der Behand­lung von Migrä­ne spielt der Tri­ge­mi­nus­kern eine maß­geb­li­che Rol­le: In ihm sam­melt sich der soge­nann­te CGRP-Stoff an, ein gefäß­wei­ten­des [tool­tip tip=“Neuropeptide fin­den sich vor allem in den Ner­ven­zel­len des Gehirns, wo sie in rela­tiv hohen Kon­zen­tra­tio­nen vor­kom­men. Dar­über hin­aus ist das Neuopep­tid ein Trans­mit­ter des auto­no­men Nervensystems”]Neuropeptid[/tooltip]. Lei­den Pati­en­ten an einer chro­ni­schen Migrä­ne, so ist ein dau­er­haft erhöh­ter CGPR-Spie­gel im Blut nach­weis­bar. Das star­ke Wei­ten von Blut­ge­fä­ßen kann zu unan­ge­neh­men Schmer­zen füh­ren — Schmer­zen, die Mig­rä­ni­kern nur all­zu bekannt sind. Mit­hil­fe der Anti­kör­per Fre­ma­zumab und Eren­um­ab kön­nen sowohl die Rezep­to­ren für CGRP, also des­sen Signal­emp­fän­ger als auch die Über­trä­ger­stof­fe blo­ckiert wer­den.

Studie beweist deutliche Erfolge

Die Aus­sich­ten schei­nen rosig zu sein, denn die Ergeb­nis­se der Stu­die zei­gen deut­li­che Erfol­ge. Wur­den die Injek­tio­nen monat­lich ver­ab­reicht, so führ­te dies zu einer Schmerz­lin­de­rung bei 41 Pro­zent der Stu­di­en­teil­neh­mer mit chro­ni­scher Migrä­ne. Nach Appli­ka­ti­on hat­ten sie nur noch halb so vie­le oder weni­ger Tage pro Monat, an denen sie über Schmer­zen klag­ten. Bei der epi­sodi­schen Migrä­ne führ­ten die Wun­der­mit­tel sogar noch zu weni­ger Schmerz­ta­gen, aller­dings nur bei Gabe der Höchst­do­sis. Auch konn­ten kei­ne Neben­wir­kun­gen ver­zeich­net wer­den, anders als bei her­kömm­li­chen Migrä­ne­mit­teln. Schon in der zwei­ten Jah­res­hälf­te 2018 sol­len die Migrä­ne­sprit­zen auf den Markt kom­men und Mil­lio­nen Geplag­ten den Schmerz neh­men.

Doch Prof. Dr. Göbel warnt vor über­schwäng­li­cher Eupho­rie: Wie ande­re Stu­di­en deut­lich bewie­sen, kann Migrä­ne­at­ta­cken auch durch einen bewuss­ten Umgang mit der Erkran­kung vor­ge­beugt wer­den. So gel­ten ein gere­gel­ter Tages­ab­lauf, die Reduk­ti­on von Stress, Ent­span­nungs­übun­gen und Aus­dau­er­sport als effek­ti­ve Selbst­hil­fe. Auch soll­te die vor­han­de­ne Sen­si­bi­li­tät des Gehirns auf strö­men­de Rei­ze nicht unter­schätzt wer­den, die bei zu hoher Belas­tung zu einer Schwä­chung der Zel­len und im wei­te­ren Ver­lauf zur Wir­kungs­lo­sig­keit des Medi­ka­ments füh­ren kann.