Vegane Kindesernährung — Gesund oder verantwortungslos?

Vegane Kindesernährung — Gesund oder verantwortungslos?

Etwa 1,3 Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land gehen einem vega­nen Lebens­stil nach — Ten­denz stei­gend. Mit klar struk­tu­rier­ten Vor­ga­ben leben vega­ne Men­schen ganz ohne tie­ri­sche Pro­duk­te, wie etwa Wurst, Käse, But­ter oder gar Honig. Auch wird sich in einem vega­nen Haus­halt wahr­schein­lich kei­ne Leder­ja­cke, Leder­couch oder Dau­nen­bett­wä­sche wie­der­fin­den. Kurz gesagt: Vega­ner ver­zich­ten auf alle Pro­duk­te tie­ri­schen Ursprungs.

Was steckt hinter dem Vegan-Wahn?

In frü­he­ren Zei­ten wur­de die­ser Lebens­stil noch als ver­rückt und skur­ril betrach­tet, doch schon längst gilt er in unse­rer moder­nen Gesell­schaft als nach­hal­ti­ger Trend. Die Grün­de für eine Kon­ver­tie­rung zum Vega­nis­mus sind viel­fäl­tig: Vie­len Über­zeug­ten lie­gen beson­ders die Tie­re am Her­zen, die durch eine stets hohe Fleisch­nach­fra­ge mit Mas­sen­tier­hal­tung und grau­sa­men Tötungs­me­tho­den kon­fron­tiert sind. Doch nicht nur das Mit­ge­fühl für Tie­re bringt die Men­schen zum Umden­ken, auch der Umwelt- und Kli­ma­schutz scheint eine gro­ße Rol­le zu spie­len. Schon 2006 berich­te­te die UN-Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (FAO), dass die Tier­wirt­schaft — und damit der Kon­sum tie­ri­scher Pro­duk­te — ein Haupt­ver­ur­sa­cher der heu­ti­gen Umwelt­pro­ble­me sei. Die Ver­ar­bei­tung tie­ri­scher Pro­duk­te geht direkt und indi­rekt mit einem erhöh­ten Aus­stoß der drei kli­mare­le­van­tes­ten Treib­haus­ga­se Koh­len­stoff­di­oxid, Methan und Lach­gas ein­her. Auch ein Bericht des World­watch Insti­tu­tes ver­weist auf ein Äqui­va­lent von 32,6 Mil­li­ar­den Ton­nen Koh­len­stoff­di­oxid, das pro Jahr durch die Erzeu­gung von Fleisch, Eiern und Milch­pro­duk­ten aus­ge­sto­ßen wird. Nicht zuletzt geht es bei der vega­nen Ernäh­rung um die eige­ne Gesund­heit: Laut der Deut­schen Gesell­schaft für Ernäh­rung (DGE) haben Vega­ner häu­fig ein gerin­ge­res Risi­ko an soge­nann­ten “Volks­krank­hei­ten”, wie Dia­be­tes Mel­li­tus Typ 2, Herz­er­kran­kun­gen und Über­ge­wicht zu erkran­ken. Auch heißt es, dass sich die vega­ne Ernäh­rung posi­tiv auf die Cho­le­ste­rin­wer­te im Blut aus­wir­ke und einer Gelenks­er­kran­kun­gen, wie etwa einer rheu­ma­toi­den Arthri­tis, effek­tiv vor­ge­beugt wer­den kann.

Vie­le Men­schen, die sich für einen vega­nen Lebens­stil ent­schei­den, möch­ten die­se Über­zeu­gung meist an ihre Kin­der wei­ter­ge­ben. Doch ist es gesund oder sogar gesund­heits­schä­di­gend die­se radi­ka­le Ableh­nung gegen tie­ri­sche Pro­duk­te auf des Kin­des Ernäh­rung zu über­tra­gen?

Ärzte warnen vor Nährstoffmangel

Laut der Deut­schen Gesell­schaft für Ernäh­rung (DGE) soll­te eine vega­ne Ernäh­rung von Säug­lin­gen und Kin­dern stets kri­tisch beäugt wer­den und wird von vie­len Exper­ten sogar abge­lehnt. Es wird ins­be­son­de­re vor einer unzu­rei­chen­den Zufuhr von Ener­gie, Eisen, Pro­te­in, Cal­ci­um, Jod, Zink, Vit­amin B2, B12 und D gewarnt, was zu star­ken Nähr­stoff­man­gel­zu­stän­den füh­ren kann. Die DGE ver­weist zudem auf spe­zi­el­le Kennt­nis­se in der Lebens­mit­tel­aus­wahl und -zube­rei­tung, die bei einer vega­nen Kin­des­er­näh­rung eine wich­ti­ge Rol­le spie­len.

Beson­ders vor­sich­tig soll­ten vega­ne Eltern bei Säug­lin­gen sein: Ernäh­ren sich stil­len­de Müt­ter aus­schließ­lich vegan, besteht auf­grund eines mög­li­chen Vit­amin-B12-Man­gels das Risi­ko schwe­rer neu­ro­lo­gi­scher Stö­run­gen für das Kind. Ins­be­son­de­re Babys haben einen erhöh­ten Vit­amin-B12-Bedarf. Wird die­ser durch eine unzu­rei­chen­de Ernäh­rung der Mut­ter nicht gedeckt, so kann es im wei­te­ren Ver­lauf zu schwer­wie­gen­den Ent­wick­lungs­ver­zö­ge­run­gen kom­men. In den sen­si­blen Lebens­pha­sen eines Neu­ge­bo­re­nen ist eine reich­hal­ti­ge Mut­ter­milch dem­nach als lebens­wich­tig zu erach­ten, für den es kei­nen gleich­wer­ti­gen Ersatz gibt. Ver­schie­de­ne Exper­ten raten zudem dring­lichst von einer Ernäh­rung mit Soja­milch, Reis­milch oder Getrei­de­er­zeug­nis­sen ab. Ist ein natür­li­ches Stil­len unter Umstän­den nicht mög­lich, so soll­te nach der­zei­ti­gem Wis­sens­stand, abge­se­hen von einer Amme, Ersatz­milch auf bio­lo­gi­scher Zie­gen­milch­ba­sis ver­wen­det wer­den. Die­se Aus­weich­mög­lich­keit steht zwar den Grund­sät­zen des Vega­nis­mus gegen­über, den­noch soll­te stets im Sin­ne des Säug­lings ent­schie­den wer­den, um eine gesun­de kör­per­li­che und geis­ti­ge Ent­wick­lung sicher­zu­stel­len.

Fatale Folgen durch mangelhafte Planung und Halbwissen

Unter Fach­ex­per­ten zei­gen sich geteil­te Mei­nun­gen, was die vega­ne Ernäh­rung von Kin­dern angeht. Wäh­rend ver­schie­de­ne Ärz­te vor Unter­ge­wicht, Eiweiß­man­gel und Wachs­tums­stö­run­gen war­nen, sehen vie­le Befür­wor­ter die Dis­kus­si­on dif­fe­ren­zier­ter: So sei eine vega­ne Kin­des­er­näh­rung grund­sätz­lich mög­lich, jedoch nur bei guter Pla­nung und außer­or­dent­li­chem Wis­sen über den vega­nen Ernäh­rungs­stil. Indes sei es wich­tig, feh­len­de Sub­stan­zen in Form von Sup­ple­ments zu sich zu neh­men, um Man­gel­er­schei­nun­gen vor­zu­beu­gen.

Dem ent­ge­gen bezwei­feln ver­schie­de­ne Medi­zi­ner, dass eine Ernäh­rung gesund ist, bei der feh­len­de Stof­fe künst­lich zuge­führt wer­den müs­sen. Auch Dr. Ste­fan Renz, Vor­sit­zen­der des Ham­bur­ger Lan­des­ver­ban­des der Kin­der- und Jugend­ärz­te, rät von einer vega­nen Ernäh­rung von Kin­dern ab. Es man­ge­le durch die­se Ernäh­rungs­form nicht nur an Vit­amin B12, son­dern durch einen Ver­zicht auf Milch, Joghurt und Käse, zusätz­lich an Kal­zi­um. Ste­hen auch kein Fisch und Fleisch auf dem Spei­se­plan, so dro­he eben­falls ein Jod- und Eisen­man­gel, so Renz. Um schwer­wie­gen­de Fol­ge­er­kran­kun­gen zu ver­mei­den, soll­ten Eltern, die sich für eine vega­ne Kin­des­er­näh­rung ent­schie­den haben, unbe­dingt Rück­spra­che mit einem Kin­der­arzt hal­ten — so kön­nen Blut­bild und Blut­wer­te in regel­mä­ßi­gen Abstän­den kon­trol­liert wer­den, um Man­gel­er­schei­nun­gen früh­zei­tig zu erken­nen.

Neben einer mitt­ler­wei­le recht undurch­sich­ti­gen Dis­kus­si­on zwi­schen Befür­wor­tern und Geg­nern des Vega­nis­mus zeigt sich eines jedoch ganz deut­lich: die Ent­schei­dung “to go vegan” ist kei­ne, die spon­tan und unüber­legt getrof­fen wer­den soll­te. Wer für sich und gege­be­nen­falls sei­ne Kin­der einen vega­nen Lebens­stil bevor­zugt, muss sich sehr gründ­lich mit der The­ma­tik aus­ein­an­der­set­zen. Gefähr­li­ches Halb­wis­sen kann irrever­si­ble oder gar lebens­be­droh­li­che Fol­gen, ins­be­son­de­re für die Kleins­ten unter uns, mit sich zie­hen. Auf­grund einer unzu­rei­chen­den For­schungs­la­ge die­ses Ernäh­rungs­stils besteht zudem stets das Risi­ko uner­war­te­ter Aus­wir­kun­gen und Fol­ge­er­schei­nun­gen.