Borderline-Störung: Denken in Extremen

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 12.07.2019 Lesezeit: 5 Minuten

Schwarz oder weiß? Gut oder böse? Für den Bor­der­li­ner gibt es nur das eine oder das ande­re. Grau­tö­ne kennt er nicht. Ent­we­der liebt er sei­nen Part­ner über alles oder er hasst ihn und schickt ihn zum Teu­fel, nur, um ihn von Neu­em an sich zu bin­den. Ein­mal fin­det er sich selbst geni­al, ein ande­res Mal völ­lig unge­nü­gend. Bezie­hun­gen, Emo­tio­nen, Den­ken oder Han­deln: Men­schen mit einer Bor­der­line-Stö­rung zei­gen in die­sen Berei­chen Ver­hal­tens­wei­sen, die kaum nach­voll­zieh­bar sind.

Das Wich­tigs­te in Kür­ze:
  • Iden­ti­tät und Selbst­wahr­neh­mung sind gestört.
  • Die Betrof­fe­nen wol­len Tren­nun­gen unbe­dingt ver­hin­dern, die Bin­dun­gen in sehr inten­siv, aber insta­bil.
  • In Kon­flikt­si­tua­tio­nen miss­trau­en sie jedem, auch sich selbst und es tre­ten star­ke Stim­mungs­schwan­kun­gen auf.
  • Wut und Anspan­nung kön­nen die Betrof­fe­nen nicht kon­trol­lie­ren und es kann zu hand­fes­ten Streits kom­men.
  • Gute The­ra­pier­fol­ge lie­fern der­zeit die dia­lek­tisch-beha­vio­ra­le The­ra­pie (DBT) und die über­tra­gungs­fo­kus­sier­te Psy­cho­the­ra­pie, die auf Eng­lisch als trans­fe­rence-focu­sed Psy­cho­the­ra­py (TFP) bekannt ist.
Borderline Syndrom, Borderliner
Borderline-Störung: Denken in Extremen

Was ist eine Borderline-Störung?

Die Bor­der­line-Stö­rung gehört gemäß der Inter­na­tio­na­len Klas­si­fi­ka­ti­on psy­chi­scher Stö­run­gen zu den insta­bi­len Per­sön­lich­keits­stö­run­gen. Wer eine Stö­rung der Per­sön­lich­keit auf­weist, zeigt in vie­len Situa­tio­nen Erle­bens- und Ver­hal­tens­mus­ter, die von den Erwar­tun­gen der Gesell­schaft abwei­chen. Die­se Mus­ter sind bestän­dig, tief grei­fend und sta­bil. Das heißt, sie ver­än­dern sich im Lau­fe des Lebens ohne ent­spre­chen­de Hil­fe nicht oder nur wenig. Wenn hin­ge­gen erfolg­reich the­ra­piert wird, dann ste­hen die Chan­cen gut, dass die Sym­pto­me ver­schwin­den.

Erfolg­reich lässt sich Bor­der­line mit der Dia­lek­tisch-Beha­vio­ra­len The­ra­pie behan­deln. Ergänzt wird die­ses durch das Antrai­nie­ren von hilf­rei­chen Skills, mit denen sie sich in Kri­sen selbst behel­fen kön­nen. Die­se aner­kann­te Behand­lung bei Bor­der­line wird inzwi­schen in 35 deut­schen Kli­ni­ken ange­bo­ten. Édouard Sevier in Bor­der­line — es gibt immer eine Lösung.

Nicht bei jedem, aber, wie Édouard Sevier in sei­nem Auf­satz schreibt,  wei­sen immer­hin 40 Pro­zent der so behan­del­ten Pati­en­ten bei Unter­su­chun­gen, die 15 Jah­re nach dem Kli­nik­auf­ent­halt vor­ge­nom­men wur­den, kei­ne Sym­pto­me einer Bor­der­li­ne­stö­rung mehr auf. 70 Pro­zent der Befrag­ten und unter­such­ten Kli­nik­pa­ti­en­ten fühl­ten sich nach durch­ge­führ­ten The­ra­pi­en deut­lich bes­ser.

Der Betrof­fe­ne ist in vie­len Lebens­la­gen ein­ge­schränkt. Beein­träch­tigt sind sei­ne Gedan­ken, Gefüh­le, Bezie­hun­gen und die Impuls­kon­trol­le. Aller­dings ist der Über­gang zwi­schen einer als Krank­heit gel­ten­den Per­sön­lich­keits­stö­rung und einem extre­men Per­sön­lich­keits­stil flie­ßend. Ob eine Stö­rung vor­liegt, muss ein Fach­mann ent­schei­den. Einen ers­ten Anhalts­punkt kann der Bor­der­line Selbst­test   der Psych­ia­tri­sche Diens­te Grau­bün­den geben.

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Symptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die Sym­pto­me der Stö­rung sind viel­fäl­tig. Typisch sind Pro­ble­me in zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen. Bor­der­li­ner haben Angst vor dem Ver­las­sen­wer­den und tun alles, um dies zu ver­hin­dern. Trotz­dem ertra­gen sie die Nähe zu ande­ren Men­schen auf Dau­er schlecht. Mit­men­schen wer­den ein­mal idea­li­siert, ein ander­mal ent­wer­tet. Die Bezie­hun­gen sind durch Insta­bi­li­tät gekenn­zeich­net. Zudem haben Bor­der­li­ner oft hef­ti­ge Emo­tio­nen mit ver­zö­ger­tem Rück­gang. Ihre Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz ist nied­rig, was sich gera­de im Berufs­le­ben und in Part­ner­schaf­ten als Hem­schuh für ein nor­ma­les Mit­ein­an­der zeigt.

Häu­fig kön­nen sie zwi­schen Gefüh­len wie Angst, Wut und Trau­er nicht dif­fe­ren­zie­ren, was zu Span­nungs­zu­stän­den führt. Dann wie­der emp­fin­den sie völ­li­ge Lee­re. Die Iden­ti­tät des Bor­der­li­ners ist gestört. Sein Selbst­bild ist ver­zerrt und er ist sich oft selbst fremd. Meist fühlt er sich min­der­wer­tig und ist unsi­cher, wie er sich in sozia­len Situa­tio­nen ver­hal­ten soll. Sein Den­ken ist fest­ge­fah­ren und manch­mal magisch (in der Psy­cho­lo­gie eine Erschei­nungs­form, bei der eine Per­son annimmt, dass eige­ne Wor­te, Gedan­ken oder Hand­lun­gen Ein­fluss auf nicht damit ver­bun­de­ne Ereig­nis­se haben) oder para­no­id. Dem Bor­der­li­ner fehlt eine gewis­se Impuls­kon­trol­le und er zeigt selbst­schä­di­gen­des Ver­hal­ten. Die­ses selbst­schä­di­gen­de Ver­hal­ten kann eine gro­ße Spann­brei­te ein­neh­men: am bekann­tes­ten ist sicher­lich das Rit­zen oder Schnei­den, aber auch das Selbst­zu­fü­gen von Ver­bren­nun­gen mit Ziga­ret­ten, das Aus­rei­ßen von Haar­bü­scheln, das sich selbst und ande­re gefäh­ren­de viel zu schnel­le Fah­ren mit dem Auto, risi­ko­rei­che Sexu­al­prak­ti­ken und ande­re Extre­me kön­nen hier prak­ti­ziert wer­den. Zum The­ma Selbst­ver­let­zun­gen sagt Herr Bohus: “Selbst­ver­let­zun­gen wer­den grund­sätz­lich ein­ge­setzt, um star­ke Emo­tio­nen kurz­fris­tig zu mil­dern.”

Leidensdruck

Bor­der­li­ner fin­den ihr Leben zeit­wei­se uner­träg­lich. Sie kämp­fen mit ihren Stim­mungs­schwan­kun­gen, haben ein labi­les Selbst­wert­ge­fühl, brin­gen kei­ne sta­bi­le Bezie­hung zustan­de und machen unüber­leg­te Din­ge, die ihnen spä­ter leid­tun. Es fällt ihnen schwer, ein aus­ge­gli­che­nes Leben zu füh­ren. Sie wech­seln Freun­de, Wohn­ort und Job oft häu­fig. Die Betrof­fe­nen spü­ren, dass sie anders sind, wis­sen jedoch nicht, wor­an das liegt oder wie sie es ändern könn­ten.

Depres­sio­nen und Miss­brauch von schä­di­gen­den Sub­stan­zen kom­men häu­fig zur Bor­der­line-Stö­rung hin­zu. Die Ange­hö­ri­gen lei­den unter den Bezie­hungs­tests des Bor­der­li­ners, sei­ner Impul­si­vi­tät und dar­un­ter, dass sie kaum Mög­lich­kei­ten haben, ihm zu hel­fen. Egal, was sie tun, je nach Stim­mungs­la­ge wird der Bor­der­li­ner sie ver­göt­tern oder ableh­nen.

Entstehung und Ursachen der Störung

Die Bor­der­line-Stö­rung ent­wi­ckelt sich meist bereits in der Kind­heit oder Jugend­zeit. Man geht davon aus, dass eine gewis­se gene­ti­sche Ver­an­la­gung besteht. Die­se reicht allei­ne jedoch nicht aus. Erfährt ein Kind zusätz­lich Ableh­nung oder erlebt trau­ma­ti­sches wie kör­per­li­chen oder psy­chi­schen Miss­brauch, erhöht sich die Chan­ce für eine Bor­der­line-Stö­rung. Kann das Kind die Gefüh­le bei die­sen nega­ti­ven Erfah­run­gen nicht regu­lie­ren, neigt es zur Dis­so­zia­ti­on. Das heißt, es spal­tet gewis­se psy­chi­sche Funk­tio­nen von­ein­an­der ab und bil­det dys­funk­tio­na­le Vor­stel­lun­gen von sei­ner Umwelt. Es teilt die­se in gut und schlecht ein.

Als Fol­ge kann es sich nicht rich­tig an der Rea­li­tät ori­en­tie­ren und ver­hält sich ent­spre­chend unan­ge­mes­sen. Dies ruft Reak­tio­nen her­vor, die das Kind nicht ver­steht. Es emp­fin­det die Welt als unbe­re­chen­bar und ver­hält sich erneut unpas­send. Ein Teu­fels­kreis ent­steht.



Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Vie­le Bor­der­li­ner mer­ken zwar, dass sie anders sind, kämen jedoch nie auf die Idee, des­we­gen Hil­fe in Anspruch zu neh­men. Wenn sie doch einen Fach­mann auf­su­chen, tre­ten bald Pro­ble­me in der Bezie­hung zum The­ra­peu­ten auf. The­ra­pie­ab­brü­che sind häu­fig. Als hilf­reich hat sich zum Bei­spiel die Dia­lek­tisch-Beha­vio­ra­le The­ra­pie erwie­sen. Sie ist eine spe­zi­el­le Psy­cho­the­ra­pie, die fest­ge­fah­re­ne Gedan­ken- und Ver­hal­tens­mus­ter ana­ly­siert und dem Betrof­fe­nen hilft, die­se zu ver­än­dern. Ist der Pati­ent beson­ders stark beein­träch­tigt, zusätz­lich depres­siv, sui­zi­dal oder dro­gen­ab­hän­gig, kann ein sta­tio­nä­rer Auf­ent­halt sinn­voll sein. Dies muss von Fall zu Fall ent­schie­den wer­den. Ohne Psy­cho­the­ra­pie nimmt die Stär­ke der Stö­rung mit zuneh­men­dem Alter meist ab, doch blei­ben die Sym­pto­me bestehen.

Unterschied zur bipolaren Störung

Die bipo­la­re Stö­rung gehört zu den affek­ti­ven Stö­run­gen und ist kei­ne Per­sön­lich­keits­stö­rung. Es tre­ten zwar extre­me Stim­mungs­schwan­kun­gen auf, doch geschieht dies in Pha­sen. Depres­si­ve und mani­sche Epi­so­den wech­seln sich ab. Die­se dau­ern meist län­ger an und wer­den im Gegen­satz zur Bor­der­line-Stö­rung von Zei­ten der psy­chi­schen Gesund­heit unter­bro­chen.

Wo Sie Hilfe finden

Zwei Anlauf­stel­len möch­ten wir Ihnen ger­ne nen­nen. Zum einen die Tele­fon­seel­sor­ge, die Sie unter 0800/1110111 oder unter 0800/1110222 tele­fo­nisch oder unter www.telefonseelsorge.de errei­chen. Des wei­te­ren hat uns der Auf­tritt der Bor­der­line­platt­form (www.borderline-plattform.de) mit zahl­rei­chen Unter­ka­te­go­ri­en über­zeugt. Die­se rei­chen von Büchern zum The­ma, über die The­ra­peu­ten- und Kli­nik­su­che und Selbst­hil­fe­grup­pen bis zur Rubrik Aus­tausch mit Forum, Mai­ling­lis­te und Link-Lis­te.

Quellen

  • https://borderline-syndrom.info
  • https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/borderline-gefuehlsleben-wie-ein-wilder-araberhengst-a-1173464.html
  • https://www.tfp-institut-muenchen.de/therapieverfahren.html
  • https://psychiatrie.charite.de/leistungen/ambulanzbereich/spezialambulanzen_fuer_borderline_persoenlichkeitsstoerung/
  • http://www.borderline-plattform.de/
  • https://www.telefonseelsorge.de/

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